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Humanitäre Krise durch das Verhalten von Fashion Brands

Brands canceln ihre Order. Zum Teil schon produzierte Ware wird nicht abgenommen. Fabriken müssen schließen, Arbeiter*innen werden entlassen. Die Auswirkungen von Corona auf die Textilindustrie sind enorm. Über die Situation in Indonesien und Bangladesch haben wir mit Marina Chahboune gesprochen, die mit ihrer Agentur „Closed Loop Fashion Consulting“ als Nachhaltigkeitsmanagerin im Textilproduktionsbereich große Unternehmen von Indonesien aus berät.

Der Schwerpunkt von Marinas Arbeit liegt auf Chemikalienmanagement, Sicherheit am Arbeitsplatz, textilem Abfallmanagement und Ablaufoptimierung um Ressourcen einzusparen. Auch Faser- und Materialentwicklung ist ein wichtiges Thema.

„Wir können von einer humanitären Krise sprechen.“

Wie die Situation bei vielen Produktionsbetrieben aussieht, das weiß Marina Chahboune. Sie arbeitet als Nachhaltigkeitsmanagerin, im Textilproduktionsbereich. Die Deutsche lebt in Indonesien und begleitet mit ihrem Team vor allem Betriebe vor Ort. Auch in Bangladesch arbeitet sie viel. Marina kann seit über einem Monat nicht mehr reisen und arbeitet im Home-Office in Bali, ist aber in engem Kontakt mit den Fabriken, mit denen sie zusammenarbeitet.

„Indonesien und Bangladesch sind unterschiedlich schwer betroffen.“

In Indonesien haben sich die Firmen ganz gut gefunden in der neuen Situation. Hier ist die Lieferkette relativ breit aufgestellt, weil vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt alle Lieferschritte abgedeckt sind. Man hat Ressourcen im Land und deshalb keine Abhängigkeiten von Importen aus anderen Ländern. Viele Fabriken stellen um auf Schutzbekleidung und Masken.

„Arbeiter stürmen Fabriken in Bangladesch um arbeiten zu können.“

In dem Low-Income-Land Bangladesch hingegen ist die Situation sehr kritisch, weil der Schwerpunkt nur auf dem „Endschritt“, der Garment-Produktion liegt, und damit eine direkte Abhängigkeit von den Modeunternehmen entsteht, die jetzt ihre Orders gecancelt haben bzw. laufende Produktionen stoppen. Die Fabriken bleiben auf ihren Kosten sitzen. Viele Arbeiter sind in Panik. Genauso wie in Kambodscha und Vietnam. Ein Sozialsystem gibt es nicht.

„Es tragisch zu sehen, wie schnell Modeunternehmen auf „Stop“ gegangen sind, obwohl Leistungen vertraglich vereinbart waren.“

Das Konstrukt, das die Textilindustrie aufgebaut hat, ist ungesund und inakzeptabel, sagt Marina. Ein schrittweiser Wandel wäre in den letzten Jahren möglich gewesen, wurde aber nicht eingeleitet. Aber Marina betont, dass es durchaus die Möglichkeit gäbe nun neu zu starten, aber vermutlich nur zu einem sehr hohen Preis.

„Das Konstrukt, das wir über die letzten Jahrzehnte aufgebaut haben ist völlig ungesund.“

Wie können Modeunternehmen einfach ihre Produktionen stoppen, verbindliche Zusagen canceln, fragt sich die Nachhaltigkeitsexpertin.  Statements von Zertifizierern und länderübergreifenden Konventionen gibt es aktuell kaum.

„Das sind alles Rechtsverstöße und Verstöße an der Menschlichkeit.“

Wie es nach Corona aussieht kann noch niemand genau sagen, aber gut sieht es nicht aus. Auch wenn viele in und um die Branche herum jetzt darüber sprechen, dass durchaus die Chance besteht, dass auch die Textilindustrie die eine oder andere Weichenstellung vornehmen wird. Der Preis für einen Systemwandel, den sich die nachhaltige Szene schon so lange wünscht ließe sich momentan nur mit einem viel zu hohen Preis für die Betroffenen in den textilproduzierenden Ländern bezahlen.

Die Zukunft ist ungewiss: Interview mit Marina Chahboune auf franzmagazine

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