Interview: Viktor&Rolf x Calida

Viktor&Rolf

Mit einem Big Bäng haben die Schweizer Wäsche-Brand Calida und das avantgardistische Luxuslabel Viktor&Rolf ihre gemeinsam Capsule Collection „We want a better world“ auf der NEONYT im Januar 2020 präsentiert. Farbstark, zeitgeistig, Detail verliebt. Und vor allem zu 100 Prozent kompostierbar.

Flirrendes Gelb, Himmelblau, Signalrot – Viktor & Rolf sind seit jeher für Farben und außergewöhnliche Muster bekannt. Ihre ikonischen Erkennungszeichen hat das niederländische Design-Duo in die gemeinsame Kollektion „We want a better world“ mit dem Schweizer Wäscheexperten Calida eingebracht und Unterwäsche, Pyjamas und T-Shirts für Damen und Herren 70ies-inspirierte Allover-Prints und ikonischen Rüschen-Details verpasst.

A TRULY GREEN STORY – a 100 percent compostable collection for a better world.

Neben den spektakulären Designs geht es bei der Kooperation vor allem um Nachhaltigkeit und um zu zeigen, dass sich High Fashion und höchste Standards der Nachhaltigkeit nicht ausschließen. Und hier wurde die Messlatte ganz weit oben angebracht. „We Want a Better World“ ist doppelt zertifiziert. Und zwar Cradle-to-Cradle und Made in Green by Oeko-Tex. Was die Kollektion so nachhaltig macht? Die Verwendung von kompostierbarem, nachhaltigem Tencel und Lyocell.

Inspiriert von der Haute-Couture – Viktor&Rolf x Calida

Unterwäsche und Loungewear sind Themen, die normalerweise nicht auf der Agenda der Couturiers stehen. Was sie an der Zusammenarbeit mit dem Schweizer Wäscheexperten aus Oberkirch gereizt hat und was sie bei dieser Zusammenarbeit über Nachhaltigkeit gelernt haben, verraten die Beiden Mirjam Smend im Interview.

Viktor&Rolf
Viktor&Rolf

„We want a better world“ ist die erste zu 100 Prozent biologisch abbaubare Designer Capsule Collection.

GREENSTYLE: Viktor & Rolf ist der Inbegriff von Haute Couture. Man denkt nicht gleich an Unterwäsche und Pyjamas. Was hat Sie an der Kooperation mit Calida gereizt?
Viktor&Rolf: Wir wollten ein Produkt schaffen, das ein breiteres Publikum anspricht. Unterwäsche und Pyjamas sind eine bequeme Notwendigkeit mit einem großen Sinn für Mode. Wir haben uns sehr gefreut, mit einer nachhaltigen Marke zusammenzuarbeiten und weiche, bequeme und tragbare Kleidungsstücke zu kreieren.

Unterwäsche und Pyjamas sind eine bequeme Notwendigkeit mit einem großen Sinn für Mode.

GREENSTYLE: „We Want a Better World“ ist nicht Ihre erste nachhaltige Kooperation. Auch mit Zalando haben Sie bereits kooperiert. Die RE:CYCLE Kollektion wurde damals aus nicht-verkauften Kleidungsstücken der letzten Saisons gefertigt. Diesmal setzen Sie auf Cradle-to-Cradle. Was reizt sie an den verschiedenen Facetten der Nachhaltigkeit?
Viktor&Rolf: Die Kreativität, die mit bewusstem Design einhergeht. Neue Wege finden um nachhaltig zu sein und gleichzeitig einen künstlerischen Ansatz und ein qualitativ hochwertiges Produkt herzustellen.

GREENSTYLE: Hat diese Zusammenarbeit und die daraus resultierenden Erkenntnisse Ihren Blick auf Nachhaltigkeit verändert?
Viktor&Rolf:  Die Kreativität, die mit bewusstem Design einhergeht. Neue Wege finden, um nachhaltig zu sein und gleichzeitig einen künstlerischen Ansatz und ein qualitativ hochwertiges Produkt beizubehalten.
Viktor&Rolf: Ja, wir haben gelernt, dass immer mehr möglich ist. Calida ist sehr innovativ, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Wir freuen uns, Teil der ersten 100 Prozent kompostierbaren Kollektion mit diesem einzigartigen Cradle-to-Cradle-Ansatz zu sein.

Viktor&Rolf
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Wir haben gelernt, dass immer mehr möglich ist.

GREENSTYLE: Welche Auswirkungen haben diese Kooperationen auf zukünftige Viktor&Rolf Kollektionen?
Viktor&Rolf: Bewusstes Design ist für uns als Designer und als Modemarke eine wichtige Facette. Wir werden in unserer Arbeit weiterhin verschiedene achtsame und bewusste Ansätze einbringen.

GREENSTYLE: Giorgio Armani hat gerade in einem Brandbrief eine Entschleunigung der High Fashion gefordert, um u.a. die Überproduktion zu reduzieren. Was raten Sie unseren Lesern?
Viktor&Rolf: Achtsam und freundlich sein.

GREENSTYLE: Wie sieht Ihre Vision von nachhaltiger Couture aus?
Viktor&Rolf: Couture ist für uns unser Experimentierlabor. In der Vergangenheit haben wir Vintage-Archivstücke als Grundlage für neue Kreationen verwendet. Das haben wir in unserer Vagabonds-Kollektion 2016 und der Action Dolls-Kollektion gezeigt.

Viktor&Rolf
Viktor&Rolf

Couture ist für uns unser Experimentierlabor.

Für unsere Kollektion „Boulevard of Broken Dreams“ im Jahr 2017 haben wir – häufig beschädigte – Vintage-Cocktail- und Abendkleidung aus verschiedenen Jahrzehnten verwendet. Wir haben diese Fragmente mit Gold zusammengesetzt, inspiriert von Kintsugi, einem Prinzip der japanischen Keramik, bei dem wahre Schönheit aus Unvollkommenheit entsteht. Für „Spiritual Glamour“ haben wir in Zusammenarbeit mit Claudy Jongstra handgefilzte Stoffe verwendet, die mit natürlichen Inhaltsstoffen gefärbt wurden. Nachdem wir unseren Vorrat bei unseren früheren Upcycling-Couture-Shows fast erschöpft hatten, wandten wir uns für unsere neueste „Patchworks“ -Kollektion unserem Archiv mit Stoffmustern zu.

GREENSTYLE: Gibt es schon weitere Pläne für nachhaltige Kooperationen?
Viktor&Rolf: Stay tuned…

Hier die Kollektion entdecken und kaufen >>>

Gut zu wissen:
CALIDA war 2016 das weltweit erste Wäschelabel, welches das unabhängige Label MADE IN GREEN by Oeko-Tex® einführte, welches nach strengsten sozialen und ökologischen Kriterien vergeben wird und zu Transparenz verpflichtet. 2018 folgte die Lancierung des ersten 100% kompostierbaren T-Shirts der Serie 100% NATURE. Die „We want a better world“ Capsule Collection ist seit Mai 2020 in den Stores und ab Oktober in einer zweiten Edition erhältlich.

Humanitäre Krise durch das Verhalten von Fashion Brands

Brands canceln ihre Order. Zum Teil schon produzierte Ware wird nicht abgenommen. Fabriken müssen schließen, Arbeiter*innen werden entlassen. Die Auswirkungen von Corona auf die Textilindustrie sind enorm. Über die Situation in Indonesien und Bangladesch haben wir mit Marina Chahboune gesprochen, die mit ihrer Agentur „Closed Loop Fashion Consulting“ als Nachhaltigkeitsmanagerin im Textilproduktionsbereich große Unternehmen von Indonesien aus berät.

Der Schwerpunkt von Marinas Arbeit liegt auf Chemikalienmanagement, Sicherheit am Arbeitsplatz, textilem Abfallmanagement und Ablaufoptimierung um Ressourcen einzusparen. Auch Faser- und Materialentwicklung ist ein wichtiges Thema.

„Wir können von einer humanitären Krise sprechen.“

Wie die Situation bei vielen Produktionsbetrieben aussieht, das weiß Marina Chahboune. Sie arbeitet als Nachhaltigkeitsmanagerin, im Textilproduktionsbereich. Die Deutsche lebt in Indonesien und begleitet mit ihrem Team vor allem Betriebe vor Ort. Auch in Bangladesch arbeitet sie viel. Marina kann seit über einem Monat nicht mehr reisen und arbeitet im Home-Office in Bali, ist aber in engem Kontakt mit den Fabriken, mit denen sie zusammenarbeitet.

„Indonesien und Bangladesch sind unterschiedlich schwer betroffen.“

In Indonesien haben sich die Firmen ganz gut gefunden in der neuen Situation. Hier ist die Lieferkette relativ breit aufgestellt, weil vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt alle Lieferschritte abgedeckt sind. Man hat Ressourcen im Land und deshalb keine Abhängigkeiten von Importen aus anderen Ländern. Viele Fabriken stellen um auf Schutzbekleidung und Masken.

„Arbeiter stürmen Fabriken in Bangladesch um arbeiten zu können.“

In dem Low-Income-Land Bangladesch hingegen ist die Situation sehr kritisch, weil der Schwerpunkt nur auf dem „Endschritt“, der Garment-Produktion liegt, und damit eine direkte Abhängigkeit von den Modeunternehmen entsteht, die jetzt ihre Orders gecancelt haben bzw. laufende Produktionen stoppen. Die Fabriken bleiben auf ihren Kosten sitzen. Viele Arbeiter sind in Panik. Genauso wie in Kambodscha und Vietnam. Ein Sozialsystem gibt es nicht.

„Es tragisch zu sehen, wie schnell Modeunternehmen auf „Stop“ gegangen sind, obwohl Leistungen vertraglich vereinbart waren.“

Das Konstrukt, das die Textilindustrie aufgebaut hat, ist ungesund und inakzeptabel, sagt Marina. Ein schrittweiser Wandel wäre in den letzten Jahren möglich gewesen, wurde aber nicht eingeleitet. Aber Marina betont, dass es durchaus die Möglichkeit gäbe nun neu zu starten, aber vermutlich nur zu einem sehr hohen Preis.

„Das Konstrukt, das wir über die letzten Jahrzehnte aufgebaut haben ist völlig ungesund.“

Wie können Modeunternehmen einfach ihre Produktionen stoppen, verbindliche Zusagen canceln, fragt sich die Nachhaltigkeitsexpertin.  Statements von Zertifizierern und länderübergreifenden Konventionen gibt es aktuell kaum.

„Das sind alles Rechtsverstöße und Verstöße an der Menschlichkeit.“

Wie es nach Corona aussieht kann noch niemand genau sagen, aber gut sieht es nicht aus. Auch wenn viele in und um die Branche herum jetzt darüber sprechen, dass durchaus die Chance besteht, dass auch die Textilindustrie die eine oder andere Weichenstellung vornehmen wird. Der Preis für einen Systemwandel, den sich die nachhaltige Szene schon so lange wünscht ließe sich momentan nur mit einem viel zu hohen Preis für die Betroffenen in den textilproduzierenden Ländern bezahlen.

Die Zukunft ist ungewiss: Interview mit Marina Chahboune auf franzmagazine

Das Ende der Schnelllebigkeit

Eigentlich hatten wir Salewa-Marketingchef Thomas Aichner zu einer Case Study mit vier Outdoor-Experten auf die 4th edition eingeladen. Aus aktuellem Anlass spricht Moderatorin Susanne Barta jetzt mit dem ehemaligen Profisnowboarder und Tourismusexperten über unternehmerische Verantwortung, Learnings aus der Corona-Krise, den Blick in die Zukunft und das Ende der Schnelllebigkeit.

„Wir werden uns aus der Schnelllebigkeit der Outdoor-Fashion schrittweise verabschieden.“

Bergsportausrüster Salewa hat sehr schnell nach Ausbruch der Corona-Krise Produktionsbetriebe auf die Herstellung von Schutzausrüstung und Atemmasken umgestellt und damit das Sanitätssystem in Südtirol ausgestattet. Inzwischen werden Krankenhäuser in Italien und ganz Europa versorgt.

„Diese Produktion ist für uns kein Geschäftsfeld, sondern eine Möglichkeit unsere Expertise einzusetzen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“

Salewa-Marketingchef Thomas Aichner hat derzeit alle Hände voll zu tun die Kommunikation der Brand auf die neuen Umstände auszurichten und dabei schon die Weichen für die Zeit danach zu stellen. Im Video-Interview erzählt er uns, welche Schritte Salewa plant und wie nachhaltige Produktion noch mehr zum Thema wird.

Als einziges italienisches Textilunternehmen ist Salewa Lead-Partner der Fair Wear Foundation. Alle Produktionsstätten werden dauerhaft zertifiziert und monitorisert. Denn Salewa möchte nicht nur seine Kunden zufrieden stellen, sondern auch die Mitarbeiter der Lieferanten.

„Statt auf immer mehr setzen wir bei Salewa auf immer besser.“

Neben dem Menschen steht bei der gesamten Oberalp Gruppe das Thema Natur im Mittelpunkt. Hier setzen die Bozener auf Langlebigkeit der Produkte, die Möglichkeit, diese zu reparieren und soweit wie möglich mit recycelten und recycelbaren Materialien zu arbeiten.

„Unser wichtigstes Learning aus der Krise? Langfristiger zu denken.“

Entsprechend spannend und weitsichtig sind die aktuellen Entscheidungen, die Sommerkollektion 2021 zu drei Viertel auszusetzen und stattdessen eine lang geplante Kapselkollektion zu lancieren.

Mehr erfahren über Salewa

Modern Slavery @ Fashion Industry

Menschenhandel (human trafficking) ist weltweit ein großes Thema. Und ein sehr großes Thema in der Textilindustrie. Leider auch in der nachhaltigen und „fairen“ Textilproduktion. Fiori Zafeiropoulou kann man gut und gerne als eine DER Expertinnen auf diesem Gebiet bezeichnen. Ihr Engagement hört nicht bei Recherchen und Beobachtungen auf, Fiori ist auch Gründerin von SOFFA, einer Social Fashion Factory in Athen.

„The second biggest industry with labour trafficking is fashion.
72 percent are women and girls.
One out of four is a child.
Average age of children in slavery is 12 years old.“

Gemeinsam mit ihrem Team arbeitet sie dort u.a. mit Opfern von Menschenhandel, bildet sie aus und bereitet sie auf eine selbständige Zukunft vor.

„Corona has two sides: The virus has led to the slow down of consumption. But the brands stopped the production without paying the factories. So the workers are not paid.“

Die Wissenschaftlerin und Aktivistin ist weltweit vernetzt und gleichzeitig lokal aktiv. Fiori ist ein Energiebündel, denn zu alledem hat sie auch Fashion Revolution Greece aufgebaut und ist deren Vorsitzende.

„For us as the global consumers the situation is a very good opportunity to reflect on our overconsuming habits.“

Human Trafficking-Expertin Fiori Zafeiropoulou spricht im Interview mit Susanne Barta über „modern slavery“, wie Corona die Produktionsbetriebe und die Arbeiter*innen vor große Schwierigkeiten stellt. Ob sie glaubt, dass die aktuelle Krise positive Auswirkungen auf die Textilindustrie und den Konsumenten haben wird? „Es hat sich viel getan in den letzten Jahren“, sagt die Expertin. Und sie glaubt, dass das Bewusstsein beim Konsumenten weiter wachsen wird.

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Corona, Klima & globales Gemeinwohl

Optimismus und Pessimismus hat sich der renommierte Klimaforscher Georg Kaser abgewöhnt. Er kann nur über Chancen und Möglichkeiten sprechen. Und die wären? „Aus dem, was gerade passiert, können wir viel lernen. Hier geht es um globales Gemeinwohl.“

Georg Kaser verbringt seine Homeoffice-Zeit in Karthaus im Schnalstal in Südtirol. Jeden Tag tauscht er sich aus mit seinen Kollegen, die auf der ganzen Welt verstreut sind.

„Der Klimawandel ist um ein vieles größer und problematischer, als Corona es jemals sein wird.“

Auch wenn das Thema Klimawandel etwas von den medialen Bildschirmen verschwunden ist, wird hinter den Kulissen intensiv gearbeitet, um so schnell wie möglich wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, wie es um unsere Welt steht und was wir zu erwarten haben, wenn nicht gegengesteuert wird.

„Die Corona-Krise hat uns rücklings überfallen und war plötzlich da. Die Klimakrise steht für die meisten Menschen noch vor ihnen, obwohl der Klimawandel schon begonnen hat.“

Denn da sind sich die Experten einig: die Herausforderungen der nächsten Jahre werden sehr viel größer sein, Corona ist allerhöchstens ein Vorgeschmack. „Wir können lernen aus dieser Zeit“, sagt Georg Kaser, „ich sehe Möglichkeiten, die sich gerade bieten, sehe aber auch die Komplexität. Es geht um nichts weniger als um globales Gemeinwohl.“

Moderatorin Susanne Barta über Georg Kaser

Susanne Barta, die das Gespräch mit Georg Kaser moderiert, ist mit dem Experten immer wieder in Kontakt. Sein Humor und sein unermüdlicher Einsatz für eine bessere Welt sind das, was ihn in ihren Augen, neben allen wissenschaftlichen Verdiensten, besonders auszeichnet.

Wir freuen uns, Georg Kaser bei einer der nächsten Ausgabe der GREENSTYLE conference live auf dem Podium begrüßen zu dürfen.

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Magdalena Schaffrin – Deutschlands Nachhaltigkeitsakteurin No. 1

Magdalena Schaffrin

Gute Nachrichten: Die nachhaltige Community wächst. Die Entwicklung der letzten Jahre kommt aber nicht von ungefähr. Einige Menschen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass nachhaltige Mode einen größeren Stellenwert bekommen hat. Eine davon ist Magdalena Schaffrin, NEONYT/Messe Frankfurt und Kaleidoscope Berlin. Mit ihr hat MIrjam Smend im Juli 2019 auf der NEONYT in Berlin gesprochen. Die findet in diesem Sommer leider nicht wie gewohnt statt. The change of fashion ist aber trotzdem now.  Ein Blick zurück. Fortsetzung folgt.

Magdalena Schaffrin
Mirjam Smend und Magdalena Schaffrin

Mirjam Smend im Gespräch mit Magdalena Schaffrin

Magdalena ist Deutschlands wichtigste Nachhaltigkeitsakteurin und meine persönliche Eco-Ikone. Sie hat nicht nur dazu beigetragen, dass ich heute das tue, was ich tue. Ich war bei ihrem ersten Greenshowroom, den sie vor über zehn Jahren gemeinsam mit Jana Keller während der Berlin Fashion Week im Hotel Adlon organisiert hat. Mit 16 Brands. Zwei Jahre später wurde ihr Konzept von der Messe Frankfurt gekauft. Die Ethical Fashion Show aus Paris kam später dazu und seit 2019 ist das nachhaltige Messeduo, das die die gesamte Branche verändert hat, zur NEONYT (sprich: neonüt) fusioniert.

Magdalena ist Deutschlands wichtigste Nachhaltigkeitsakteurin und meine persönliche Eco-Ikone.

Heute ist sie unter anderem Creative Director der NEONYT, dem globalen Hub für Mode, Innovation und Nachhaltigkeit. Dass seit Juli 2019 auch andere Messen in Berlin das Thema Nachhaltigkeit groß in ihrer Kommunikation spielen, tut dem maximalen Erfolgskurs der NEONYT keinen Abbruch. In der DNA hat schließlich nur die NEONYT das Thema.

Mirjam Smend: Ihr habt ja nicht nur den Namen geändert, sondern an ein paar Stellschrauben gedreht. Was ist denn seit Juli 2019 „neoneu“?
Magdalena Schaffrin: Wir kommen von den beiden Veranstaltungen Greenshowroom und Ethical Fashion Show. Seit wir beide Veranstaltungen in eine Location gezogen haben, haben wir die doppelte Kommunikation, getrennte Websites, getrennte Pis, zwei Instagram-Kanäle. Und am Ende wussten die Leute nicht, auf welcher Veranstaltung sie gewesen sind.

Mirjam Smend: Und dann?
Magdalena Schaffrin: Den Namen nach zehn Jahren zu verändern war ein großer Wunsch von mir. In Kombination mit einem neuen Konzept. Wir haben uns zu einer Strategierunde zusammengesetzt und uns gefragt, wie eine Messe in der Zukunft aussieht. Was muss eine Messe leisten? Was haben wir für Potenziale? Das Messewesen steckt genauso wie der Einzelhandel und viele weitere Branchen in einer Krise. Dann haben wir den Hub entwickelt, dessen Kernstück die Messe ist. Die Labels sind deutlich kuratierter, modischer. Genauso wie die Kommunikation. Wir müssen aufhören über nachhaltige Mode zu reden. Aber das dauert wahrscheinlich noch 20 jahre.

Wir müssen eine Sprache für diese Art von Mode entwickeln. – Vanessa Friedman

Mirjam Smend: Nachhaltig ist ja auch ein fürchterlich sprödes und abgenutztes Wort.
Magdalena Schaffrin: Vanessa Friedman sagt auch bei jedem Copenhagen Fashion Summit, dass wir eine Sprache für diese Art von Mode entwickeln müssen. Wir müssen die richtigen Worte finden, um sie zu beschreiben. Auch für die Klarheit in der Kommunikation brauchen wir einheitliche Worte. Wir reden alle über grün. Grün ist was anderes als ethical. Aktuell nutze ich deshalb wieder „Nachhaltigkeit“. Weil es einfach der umfassendste Begriff ist, weil es alle Aspekte miteinschließt. Als wir noch beide Veranstaltungen gemacht haben, haben wir über eco-faire Mode gesprochen, um klarzustellen, dass es um beide Aspekte geht. Heute ist das ja im Verständnis drin.

Magdalena Schaffrin
© NEONYT/Messe Frankfurt

Mirjam Smend: Du hattest auch Dein eigenes Label und hast deshalb Insights von der Designer Seite. Gab es früher schon mal die Bestrebung in Richtung Nachhaltigkeit zu arbeiten?
Magdalena Schaffrin: 2009 gab es eine Stimmungslage, die dem Thema Luft gegeben hat. Es gab plötzlich die Lohas als neue Zielgruppe, über die viel geschrieben wurde. Mit der Finanzkrise waren viele Leute in einer Sinnkrise und haben Fragen gestellt. Da kam ganz schön Schwung rein und es wurde viel diskutiert. Dann haben einige angefangen an dem Thema zu arbeiten und habenfestgestellt, dass das alles gar nicht so einfach ist.

Ich hatte gedacht, dass wir in 10 Jahren die Mode deutlich stärker verändert bekommen.

Mirjam Smend: Und jetzt gibt es einen neuen Anlauf?
Magdalena Schaffrin: Jetzt haben wir wieder so ein Momentum. Das Thema kommt noch größer, weil es gesellschaftlich ganz anders verankert ist. Auch durch die junge Generation, die jetzt auf die Straße geht und fordert, dass wir diese Erde retten und das Klima in den Griff bekommen. Natürlich auch über die Vereinten Nationen und die Politik, die das Thema pushen und die Firmen, die mit ihren Initiativen rausgehen. Deshalb habe ich das Gefühl, dass das Thema omnipräsent ist. Wenn man aber wirklich unter dem Strich schaut, wie sich das Thema verändert hat, ist es immer noch viel zu wenig. Ich hatte gedacht, dass wir in 10 Jahren die Mode deutlich stärker verändert bekommen.

Mirjam Smend: Das Angebot und der Wunsch es anzunehmen ist größer – wieso kommt es dann doch nicht im Kleiderschrank der Konsumenten an?

Magdalena Schaffrin: Diese Mind Behavior Gap gab es vor 10 Jahren auch schon. Warum sagen eigentlich alle Leute in den Umfragen immer, dass sie nachhaltig konsumieren wollen und tun es dann doch nicht? Sie wollen mehr Geld ausgeben und tun es dann doch nicht. Ich glaube, dass Mode ein so emotionales Thema ist, dass unsere Psychologie uns ein Schnäppchen schlägt. Wenn ich konsumiere, werden Glückshormone ausgeschüttet.

Konsum macht süchtig, wie Schokolade oder andere Suchtmittel.

Es macht süchtig, wie Schokolade oder andere Suchtmittel. Man möchte sich dieses gute Gefühl erkaufen. Das ist eine ganz andere Aktion als mit dem Kopf ranzugehen und zu sagen „ich möchte nachhaltiger leben“. Eigentlich möchte ich keine Süßigkeiten essen und dann isst man sie doch, wenn sie dastehen, weil man einem Impuls folgt. Nur wenn nachhaltige Produkte diese Attraktivität besitzen, werden sie auch mit dem Impuls gekauft. Das ist der Schlüssel.

Magdalena Schaffrin
© Stefan Knauer, Getty Images for NEONYT

Mirjam Smend: Soll man dann gar nicht mehr kommunizieren, dass ein Produkt nachhaltig ist?
Magdalena Schaffrin: Es gibt ja Brands, die nachhaltig produzieren und nicht darüber sprechen.

Mirjam Smend: Zurück zu dem was Du damals gegründet hast. Du hast damals, als Du mit Jana Keller den Greenshowroom gegründet hast, etwas gesehen, was heute aktueller ist denn je, nämlich dass nachhaltig nicht öko aussieht. Gibt es diese Brands denn heute noch?
Magdalena Schaffrin: Das habe ich tatsächlich nicht vollständig auf dem Schirm. Aber ich weiß, dass keine der 16 Brands, die damals bei uns ausgestellt haben, heute auf der NEONYT ist.

Mirjam Smend: Was machen die Brands heute anders als damals?
Magdalena Schaffrin: Ich habe viele Brands kommen und gehen sehen. Aber ich muss sagen – und diesen Unterschied spürt man tatsächlich sogar zwischen Januar und jetzt (Juli) – dass sich die Branche professionalisiert. Die Brands machen sich Gedanken über ihren Markenauftritt. Die Kollektionen werden kommerzieller, die Stände sehen anders aus. Es gibt auf einmal eine andere Auswahl und größere Kollektionen. Man merkt, dass die Labels wachsen. Es gibt anscheinend eine gesteigerte Nachfrage.

Magdalena Schaffrin
© NEONYT/Messe Frankfurt

Mirjam Smend: Du hast aus der Intention heraus gegründet, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.
Magdalena Schaffrin: Jana Keller und ich haben damals eine Plattform gesucht, auf der wir uns repräsentiert fühlten. Die haben wir nicht gefunden. Wir wollen nicht auf eine Öko-Messe, aber auch nicht auf eine konventionelle Messe. Die hatten das Thema zwar auch schon aufgegriffen, aber nicht mit der Ernsthaftigkeit, die wir uns gewünscht hätten. Dann haben wir eine Veranstaltung gemacht, die sich ausschließlich auf coole, hochwertige, schöne und nachhaltig produzierte Mode spezialisiert. Das war neu.

Wir haben eine Veranstaltung gemacht, die sich ausschließlich auf coole, hochwertige, schöne und nachhaltig produzierte Mode spezialisiert.

Mirjam Smend: Das waren 16 Brands im Hotel Adlon und jetzt sitzen wir zehn Jahre später im Kraftwerk mit 170 Brands. Ist ein Traum für Dich in Erfüllung gegangen?
Magdalena Schaffrin: Mich beeindrucken ja Zahlen nicht so sehr. Mir ist es nicht so wichtig, dass wir sehr, sehr viele Marken haben und die größte Plattform sind und andere Superlative kommunizieren. Mir ist wichtig, dass parallel zu der coolen und klaren Kommunikation die mit der Neuausrichtung entwickelt haben, die Qualität stimmt. Und das sollte sich auch im Ausstellerportfolio widerspiegeln.

Mirjam Smend: Im Januar war erstmals Eure Show in der offiziellen MBFW Schauenlocation. Da hattet Ihr das Thema Wasser als zentrales Thema. Diesmal war es Denim. Wieso Denim?
Magdalena Schaffrin: Unser Oberthema war weiterhin für das restliche Jahr Wasser. Das Thema für 2020 ist Luft. Die großen Elemente, die die Branche am meisten umtreiben – Luftverschmutzung, Wasserverbrauch. Wir wollten das Thema Denim im Sommer stärker verankern, weil Denim ein Material ist, das sehr viel Wasser verbraucht. Es gab auch ein paar Formate zu dem Thema. Ein perfektes gestalterisches Thema zusätzlich zu den anderen Gesichtspunkten auf der Modenschau.

Das Thema für 2020 ist Luft. Die großen Elemente, die die Branche am meisten umtreiben – Luftverschmutzung, Wasserverbrauch.

Magdalena Schaffrin
© Stefan Knauer, Getty Images for NEONYT

Mirjam Smend: Seit Januar sitzen ja auch die Vertreterinnen der großen Modemagazine in der ersten Reihe und reden anschließend auf Doppelseiten und ganzen Strecken über Eure Show. Was war das größte Kompliment das du für die Show bekommen hast?
Magdalena Schaffrin: Das erste Feedback nach der Show? Eine Journalistin hat mir gesagt, wie überrascht sie war. Damit hätte sie nie gerechnet. Nächstes Mal möchte sie noch größer darüber berichten. Auch im Vorfeld schon.

Mirjam Smend: Eco oder öko – wie sexy ist nachhaltige Mode? Wie sexy findest Du sie denn?
Magdalena Schaffrin: Genau dafür stehen wir: Für Sexiness, für Coolness, die Modernität. Da geben wir uns alle Mühe, auch natürlich mit der Show, mit der wir eine andere Zielgruppe erreichen, als hier in der Messearea.

Wir stehen für Sexiness, für Coolness, die Modernität.

Mirjam Smend: Die Brands, die Ihr in der Show zeigt, sind nicht alles NEONYT Brands.
Magdalena Schaffrin: Wir haben hier auf der Messe ein Markenportfolio. Man könnte auch daraus eine Show machen, aber dann haben wir in dem Sinne nichts Neues. Wir machen die Show mit ca. 80 Brands, die nicht unbedingt Aussteller sind. Wir wollen das Image verändern und Bilder in die Welt schicken. Nicht alle diese Brands wollen und können hier ausstellen, weil sie in Berlin nicht ihre Absatzmärkte haben.

Mirjam Smend: Und wie korrespondiert das mit dem Hub?
Magdalena Schaffrin: Mit dem Hub wollen wir in möglichst viele Richtungen kommunizieren: Mit der Konferenz wollen wir viele Leute und Formen aus den Lieferketten reinholen. Wir wollen über technologische Innovationen reden. Am einen Ende stehen quasi die zwei Microfactories am anderen Ende die Fashionshow. Das spricht ganz unterschiedliche Zielgruppen an und kreiert unterschiedliche Bilder.

Mit dem Hub wollen wir in möglichst viele Richtungen kommunizieren.

Mirjam Smend: Ihr habt ja, wie auch ARD und ZDF einen Informationsauftrag. Ihr seid das zentrale Medium, um das Thema weiterzubringen. Das ist schon eine große Verantwortung.
Magdalena Schaffrin: Andere gehen auch in die Nachhaltigkeitskommunikation hier in Berlin. Das sind ja nicht nur wir. Wir haben die Kompetenz über zehn Jahre. Wir kennen die Lieferketten gut und haben Anschluss an das TexpertiseNetwork der Messe Frankfurt. An die ist das Thema Nachhaltigkeit nicht erst mit der Übernahme des Greenshowroom und der Ethical Fashion Show in Paris herangekommen. Die Messe Frankfurt hatte das auch schon vorher auf ihren Textilmessen mit der Green Directory, in der nachhaltige Produzenten aufgelistet wurden, integriert. Wir wissen was wir tun.

Teil 2 des Interview folgt.